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Hinweis: Dies ist eine verkürzte und leicht überarbeitete Version eines Beitrags von 2020, ursprünglich veröffentlicht auf Hypotheses: Digitalisierung, Aufbereitung und Annotation des Friedhofsregisters der jüdischen Gemeinde zu Strelitz (1740–1923).

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde und des Friedhofs in Strelitz

Inneres der Strelitzer Synagoge
Inneres der Synagoge in Strelitz (Krüger 1921, S. 131).1

Die jüdische Gemeinde zu Strelitz (heute Strelitz-Alt, Stadtteil von Neustrelitz) in Mecklenburg war im Laufe ihres Bestehens, insbesondere im 19. Jahrhundert, eine der größten jüdischen Gemeinden Mecklenburgs.

Die Einweihungsfeier zur Synagoge in Strelitz fand am 5. September 1763 statt.2 Zu dieser Zeit lebten bereits etwa 130 jüdische Familien in Strelitz.3 Der Herzog zu Mecklenburg, Adolf Friedrich III., gewährte im 18. Jahrhundert immer mehr Personen jüdischen Glaubens die Ansiedlung im Herzogtum. In diesem Zusammenhang kann man fast von einer Förderung der Zuwanderung sprechen, denn der Herzog und die Landesregierung erhofften sich dadurch eine wirtschaftliche Stärkung des Herzogtums.

Synagoge zu Strelitz (Abbildung aus Krüger 1921)
Synagoge zu Strelitz (1763) (Krüger 1921, S. 130).4

Zum einen sollten die jüdischen Kaufleute und Händler die Region wirtschaftlich stärken, zum anderen zahlten sie aber auch eine Schutzsteuer: eine jährliche (teilweise auch vierteljährliche) Zahlung, die ihnen erlaubte, dass sie überhaupt kaufmännisch tätig werden und in der Region einen Wohnsitz begründen konnten. Dieses landesherrliche Privileg erteilte ihnen damit die Konzession, geregelter Arbeit nachzugehen und sich niederzulassen. Gleichzeitig sollten sie aber auch nicht in zu starke Konkurrenz mit christlichen Kaufleuten treten.

Die herzogliche Landesregierung stellte diese Schutzbriefe zwar aus – zumindest sofern erwartbar war, dass der Antragstellende zukünftig wirtschaftlich unabhängig sein würde –, war aber gleichzeitig ganz im Geist der Zeit antisemitisch vorurteilsbehaftet und fürchtete um die kaufmännische Existenz der christlichen Bevölkerung.

1802 waren es bereits etwa 800 Menschen israelitischen Glaubens, die in Mecklenburg-Strelitz lebten – davon allein 600 in Strelitz.5

Der jüdische Friedhof in Strelitz war einer der ältesten in ganz Mecklenburg und wurde 1728 angelegt. Der Friedhof ist heute nicht mehr existent; es stehen zwar noch zwei Grabsteine, diese sind jedoch umgebettet worden und besitzen eher repräsentativen Charakter.6 Das Dritte Reich überstand der Friedhof wohl nicht völlig unbeschadet; die Angaben hierzu sind allerdings unterschiedlich. In der Neustrelitzer Ausgabe der Landeszeitung heißt es in einem Artikel vom 9. September 1949, die „Kristallnacht“ 1938 habe massive Zerstörungen nach sich gezogen.7

Nichtsdestotrotz ist davon auszugehen, dass viele Grabsteine die Verwüstungen überstanden und die größten Schäden durch Witterungseinflüsse sowie mangelnde Instandhaltung und Pflege des Areals entstanden. Der Bezirkskonservator für Vor- und Frühgeschichte schreibt im Juli 1950 an den Rat der Stadt Neustrelitz, dass sich der jüdische Friedhof in einem entsetzlichen Zustand befinde und man diesen Missstand dringend beheben müsse – er würde sich für Neustrelitz schämen. Die gewünschten Aufräumarbeiten finden wohl auch zeitnah durch eine ortsansässige FDJ-Gruppe statt.

Kaum nachvollziehbar scheint es daher, dass wenige Jahre später – Ende der 1950er Jahre – von der Bezirksregierung entschieden wird, dass die Grabsteine zu entfernen und das Gelände zu räumen sei; auch Stelen und Obelisken sollten zerschlagen werden. Die Grabsteine wurden zertrümmert, als Pflastersteine benutzt oder gleich im Hafen versenkt – bis heute ist nicht genau klar, aus welchen Beweggründen damals so gehandelt wurde.6

Mit dem materiellen Verlust der Grabsteine ging auch das Wissen darüber verloren, um welche Personen es sich handelt, deren letzte erhaltene Grabsteine bis zur „Räumung“ noch vorhanden waren. Überhaupt schien es so, als sei ein Seelen-, Sterbe- oder Beerdigungsregister nicht ausfindig zu machen – und das, obwohl die Gemeinde zu Strelitz doch so groß war und manche ihrer Mitglieder es zur überregionalen Bekanntheit brachten.

Zwar tauchten immer wieder einige kleinere Verzeichnisse auf, wer die letzten Gemeindemitglieder waren und auch, wann diese beerdigt wurden; ein Gesamtverzeichnis, ein Beerdigungsregister, war der Öffentlichkeit aber lange nicht bekannt. Dabei hatte Jacob Jacobson, der bis 1939 das Gesamtarchiv der deutschen Juden leitete, vermutlich noch in der Zeit vor der „Machtergreifung“ eine Abschrift angefertigt, welche die Bestattungen der jüdischen Gemeinde zu Strelitz dokumentiert.

Wovon Jacobson genau seine Abschrift anfertigte, was also seine zugrunde liegende Originalquelle war, ist bisher nicht geklärt.8 Das Leo Baeck Institute hat jedoch die Abschrift von Jacobson mikroverfilmt und als Digitalisat zur Verfügung gestellt.9 Basierend auf diesen Digitalisaten wurde das Beerdigungsregister in verschiedenen Schritten aufbereitet, sodass nun eine XML/TEI- und eine ALTO-Version des Registers zur Verfügung steht: volltextdurchsuchbar, maschinenlesbar und strukturiert – über 250 Jahre hinweg ein Teil jüdischen Lebens in Strelitz.

Allgemeines zum Friedhofsregister

Das Friedhofsregister der Gemeinde zu Strelitz ist inhaltlich ähnlich strukturiert wie viele Kirchenbücher christlicher Gemeinden in Deutschland. Chronologisch verzeichnet es die jeweiligen Sterbefälle und gibt zu jeder Person weitere Informationen, etwa Beruf, Geburtsdatum, Alter oder verwandtschaftliche Beziehungen. Die Einträge sind in ihrem Umfang nicht immer einheitlich; der Grad der eingetragenen Informationen hängt – genau wie in christlichen Geburts-, Ehe- oder Sterberegistern – von der jeweiligen schriftführenden Person ab.

Vorteilhaft am Register der Strelitzer Gemeinde ist das alphabetische Register am Ende. Wenngleich es nicht immer konsistent angelegt ist, lassen sich durch die einzelnen Nummern der Einträge dennoch viele Personen schnell auffinden. Eine Besonderheit stellen die Vermerke in hebräischer Sprache dar. Auch hier ist der Informationsgehalt unterschiedlich und ändert sich im Laufe der Jahrzehnte: Teilweise geben die Vermerke nur das bereits in lateinischen Buchstaben Geschriebene wieder, teilweise ergänzen sie verwandtschaftliche Beziehungen. Im Laufe der Jahrzehnte werden diese Vermerke immer seltener, sodass ab etwa 1869 neben dem angegebenen Datum – meistens dem Sterbedatum, teilweise aber auch dem Geburtsdatum – häufig nur noch der Tag des Todes gemäß des jüdischen Kalenders niedergeschrieben wurde.

Im Friedhofsregister lassen sich auch Personen finden, die für das jüdische Leben in Deutschland überregionale Bedeutung erlangt haben. So ist beispielsweise der damalige Landesrabbiner von Mecklenburg-Strelitz, Jacob Hamburger, dort verzeichnet.10

Auch verzeichnet ist der vermeintliche Gründer der Strelitzer jüdischen Gemeinde und „Hofjude“ des Herzogs Adolph III. zu Mecklenburg. In Tychsens drittem Teil seiner Nebenstunden heißt es dazu:11

Um das Jahr 1608 hatten auch der damalige Herzog zu Strelitz Adolph II. einen Hofjuden Namens R. Iakof aus Frankfurt an der Oder, und dessen Gemahlin geb. Prinzess. aus Sondershausen einen Agenten Alexander aus Sondershausen, in ihren Diensten. Nach ihrem Tode wurde der Knecht des obbemeldeten Iakof, Namens Wolf Hofjude bey Herzog Adolph III. Durch diesen Wolf ist die jüdische Gemeine in Strelitz eigentlich gestiftet.

Aller Wahrscheinlichkeit nach ist dieser „Hofjude“ Wolf, Wolff Jacob (Nr. 5 im Register). Er verstarb im Januar 1743 und wurde auf dem Strelitzer Friedhof beerdigt. Eine weitergehende Recherche zu einzelnen Personen könnte für die jüdische Geschichte im deutschsprachigen Raum lohnenswert sein.


Fußnoten

  1. Krüger, Georg: Kunst- und Geschichts-Denkmäler des Freistaates Mecklenburg-Strelitz. I Band: Das Land Stargard. Neubrandenburg: Brünslowsche Verlagsbuchhandlung 1921, S. 131.
  2. Donath, Leopold: Geschichte der Juden in Mecklenburg (1266–1874). Leipzig: Oskar Leiner 1874, S. 138. Online (Google Books). Link.
  3. Tychsen, Oluf Gerhard: Bützowische Nebenstunden. Dritter Theil. Bützow 1768, S. 5. Online (Rostocker Dokumentenserver). Link.
  4. Krüger, Georg: Kunst- und Geschichts-Denkmäler des Freistaates Mecklenburg-Strelitz. I Band: Das Land Stargard. Neubrandenburg: Brünslowsche Verlagsbuchhandlung 1921, S. 130.
  5. Donath, Leopold: Geschichte der Juden in Mecklenburg (1266–1874). Leipzig: Oskar Leiner 1874, S. 139; sowie „Juden in Mecklenburg“, Abschnitt Neustrelitz. Link.
  6. Zur Geschichte des Friedhofs: „Juden in Mecklenburg“, Jüdischer Friedhof Alt-Strelitz. Link.
  7. Neustrelitzer Ausgabe der Landeszeitung, Artikel vom 9. September 1949 (Zitat nach zeitgenössischer Presseberichterstattung; genaue Seitenangabe derzeit nicht verifiziert).
  8. Hinweis zur unklaren Originalquelle und zu möglichen Parallelüberlieferungen (Seelenregister u. a.): FamilySearch-Mikrofilm Nr. 1185018 („Tote & Index 1760–1923 …“); Einsehbarkeit nur in der Family History Library (Salt Lake City). Zudem verweist Donath auf Auskünfte aus dem „Gedenkbuch des dortigen Beerdigungsvereins“ (Original bisher nicht nachgewiesen).
  9. Leo Baeck Institute / Center for Jewish History: „Altstrelitz, cemetery register, photocopy, German and Hebrew, 1740–1923“ (Jacob Jacobson Collection, AR 7002 / MF 447 / MF 134). Link.
  10. Wikipedia: Jacob Hamburger. Link.
  11. Tychsen, Oluf Gerhard: Bützowische Nebenstunden. Dritter Theil. Bützow 1768, S. 5 (Passage zur Traditionsüberlieferung um „Wolf“ als Hofjuden). Online (Rostocker Dokumentenserver). Link.